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Wissenschaftler*innen brauchen Planungssicherheit. Die besondere Situation von Wissenschaftler*innen mit Care-Verantwortung und ‚Risikopatient*innen‘ muss beachtet werden!

 

Seit wir am 1.4.2020 zur Solidarität im Forschungs- und Lehrbetrieb und darüber hinaus aufgerufen haben, ist die universitäre Lehre an den meisten Universitäts- und Hochschulstandorten gestartet. Wie zu erwarten war, bindet dies bei Mitarbeitenden mit Lehrverpflichtung den größten Teil der Arbeitskraft. Auch die Kommunikation mit überforderten Studierenden, die zwischen Arbeit, Kinderbetreuung und Studium aufgeriebenen werden, nimmt dabei einen großen Raum ein. Wie es um die Finanzierung der Studierenden geht, diskutiert Jan-Martin Wiarda. Grüne und Linke (siehe auch) haben umfassenden BAFöG-Schutz für in- und ausländische Studierende vorgeschlagen.

Wie sieht es derweil für die Planungssicherheit der wissenschaftlichen Angestellten aus?

 

Am 8.4.2020 hat sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek mit einer Pressemitteilung zu Wort gemeldet. Das BMBF und Bundestag (vgl. Gesetztesentwurf vom 21.4.2020) wollen dafür Sorge tragen, dass die Folgen der Coronrakrise für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen abgemildert werden.

Durch eine Erweiterung des §7 WissZeitVG soll beschlossen werden: Die

insgesamt zulässige Befristungsdauer verlängert sich um sechs Monate,  wenn  ein  Arbeitsverhältnis  nach  § 2  Absatz 1  zwischen  dem  1.  März  2020  und  dem  30.  September  2020  besteht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung  des  Bundesrates  die  zulässige  Befristungsdauer  höchstens  um  weitere  sechs  Monate  zu  verlängern,  soweit dies aufgrund fortbestehender Auswirkungen der COVID-19-Pandemie in der Bundesrepublik Deutschland geboten erscheint; die Verlängerung ist auch auf Arbeitsverhältnisse zu erstrecken, die nach dem 30. September 2020 und vor Ablauf des in der Rechtsverordnung genannten Verlängerungszeitraums begründet werden. (Quelle)

Wir begrüßen diesen Gesetzesvorschlag! Denn mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz tickt für die befristet Beschäftigten jeden Tag die Uhr. In der Zeit geschlossener Bibliotheken und Labore, ausfallender Tagungen, verlangsamter Peer-Review-Prozesse in Zeitschriften, nicht stattfindender kollegialer Arbeitstreffen und Kolloquien sowie nicht verfügbarer Teilnehmender für wissenschaftliche Erhebungen ist keine Forschung realisierbar.

Allerdings ist mit diesem Gesetzesvorschlag noch nicht geklärt, unter welchen Bedingungen die Höchstvertragslaufzeit um weitere 6 Monate verlängert werden kann. Auch ist nicht geklärt, wie viele Tage innerhalb der Zeitspanne von 1. März bis 30. September ein Arbeitsverhältnis bestehen muss. Und schließlich muss bei der Ausformulierung einer „optionalen“ zweiten Verlängerungsphase um weitere 6 Monate beachtet werden:

  • dass Eltern mit Kindern im Betreuungsalter und Wissenschaftler*innen, die in die Pflege von Angehörigen involviert  sind, auch über die Phase der Kontaktbeschränkungen (inkl. der Schließungen von KiTas, Schulen und Pflegeheimen) hinaus unzählige Stunden Mehrarbeit leisten.
  • dass Wissenschaftler*innen mit Vorerkrankungen nicht ohne weiteres wieder in die Präsenzlehre gehen können, an Tagungen teilnehmen können etc., bis ein Impfstoff oder ein Medikament auf dem Markt ist.
  • dass dadurch, dass Studierende Prüfungen verschieben können, ein langanhaltend hoher Aufwand in der Koordination für die wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen in der Lehre entsteht.

 

Wir fordern:

 

Wir benötigen daher jetzt verbindliche Zusagen, die den ohnehin schon belastenden Alltag wissenschaftlicher Angestellter im Krisenmodus langfristig entlasten:

  • eine einklagbare Regelung, die jeden innerhalb der Krisenzeit bestehende Arbeitsvertrag um jedes angebrochene Krisensemester automatisch verlängert.
  • eine verbindliche familienpolitische Komponente: Die WissZeitVG-Vertragslaufzeiten müssen für Eltern um die doppelte Zeit (6+6 Monate) im Vergleich zu Nicht-Eltern (6 Monate) verlängert werden (siehe hierzu die Petition http://mehrbelastung.de/)
  • eine besondere Regelung für Wissenschaftler*innen mit Vorerkrankungen („Risikopatient*innen“) und Wissenschaftler*innen, die mit Risikopatient*innen in einer Hausgemeinschaft leben: Ihre Verträge sollen um die Zeit, bis sie Zugang zu einem Impfstoff oder Medikament erhalten, verlängert werden.

 

Allein mit einer Änderung des WissZeitVG ist die Arbeitszeit des wissenschaftlichen Personals noch nicht gesichert. Es müssen weiterhin Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die Verlängerung von drittmittelfinanzierten Stellen sicherzustellen (vgl. auch verdi), sowie auch die Laufzeiten von Tenure Track Verfahren angepasst werden müssen (vgl. Grüne).

Darüber hinaus zeigt der Krisenmodus für die wissenschaftlich Tätigen wie in den meisten anderen Branchen, dass bereits der auf Befristung basierende ‚Normalbetrieb‘ ein prekärer Ausnahmezustand war (vgl. z.B. die Stellungnahme des Vorstands der Kommission Sozialpädagogik/DGfE). Dass die Rückkehr dazu keine Option ist, diskutiert bspw. Eva Plonske/MdA Berlin, Grüne.

Wir wollen nicht in den „Vor-Corona“-Ausnahmezustand zurück. Wir fordern eine ausreichende Finanzierung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen und die Festanstellung nach der Promotion! Damit wäre für unzählige Wissenschaftler*innen bereits heute der Krisenalltag erträglicher.

Stellungnahme des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) 

(English version below)

Das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft unterstützt die aktuelle Forderung nach einem Nicht- beziehungsweise Flexi-Semester im Sommersemester 2020, wie sie in einem von fast 11.000 Wissenschaftler*innen unterzeichneten offenen Brief (https://www.nichtsemester.de/cbxpetition/offener-brief/) angestoßen wurde. Dabei erscheint uns die genaue Bezeichnung weniger relevant als die Anerkennung der Tatsache, dass in der derzeitigen Situation eines gesamtgesellschaftlichen Shutdowns auch der Betrieb an Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen im Sommersemester 2020 nicht einfach weiterlaufen kann wie bisher. Ebenso befürworten wir den Forderungskatalog zur Corona-Krise der Hochschulgewerkschaft unter_bau  vom 21.03.2020 (https://unterbau.org/2020/03/30/gegen-unsicherheit-in-der-corona-krise/). Wir möchten die dadurch angestoßene Diskussion aufgreifen und vertiefen. 
Studierende, Lehrende, Forschende wie auch technisch-administratives Personal sind von der gegenwärtigen Krisensituation auf vielfache Weise betroffen: angefangen bei der unter den Bedingungen von Pandemie und Kontaktsperre allgemein steigenden psychosozialen Verunsicherung, zu der sich die Sorge um die eigene und/oder die Gesundheit nahestehender Menschen addiert, über die drastisch intensivierte Care-Verantwortung von Eltern und Pflegenden bis hin zu ganz praktischen Fragen der Zugänglichkeit von Forschungsmaterialien und digitaler wie analoger Infrastruktur. Die Krisenförmigkeit der gegenwärtigen Situation verschärft sich unter den Bedingungen befristeter Beschäftigung, die im deutschen Hochschulsystem nach wie vor den Regelfall darstellt.
In Hinblick auf eben diese prekäre Beschäftigungssituation der übergroßen Mehrheit unserer Kolleg*innen halten wir es für unerlässlich, dass alle befristeten Arbeitsverträge von studentischen Mitarbeiter*innen und von Wissenschaftler*innen in der Promotions- und Postdoc-Phase, aber auch von so genannten sonstigen Mitarbeiter*innen um die Dauer der derzeitigen Ausnahmesituation verlängert werden, und zwar ohne Anrechnung auf die Höchstbefristungsdauer nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz  beziehungsweise dem Teilzeit- und Befristungsgesetz. Ebenso dringend notwendig ist die Verlängerung von Stipendien und von „Tenure“-Zeiten für Junior-Professor*innen, die Auszahlung bereits zugesagter Lehraufträge und sonstiger Honorarvereinbarungen (unabhängig von der konkreten Durchführbarkeit der Lehre) im kommenden Semester und die Unterzeichnung bereits zugesagter Arbeitsverträge.
Außerdem erwarten wir die vollumfängliche Anerkennung krisenbedingter zusätzlicher Sorgearbeit (etwa Homeschooling) als Arbeitszeit. Berücksichtigt werden muss zudem, dass auf Lehrende aktuell neben der bereits äußerst anspruchsvollen Aufgabe, Lehrangebote nach Möglichkeit zu digitalisieren, auch erhöhte Betreuungsanforderungen zukommen. Aufgrund der dadurch erhöhten Arbeitszeit müssen die Honorare für Lehrbeauftragte deutlich angehoben werden. 
Studierende brauchen jetzt mehr denn je flexible Unterstützungsangebote, um ihr Studium unter erschwerten Bedingungen weiter führen oder beenden zu können. Dazu gehört eine transparente und flexible Gestaltung von Prüfungsbedingungen. Das Sommersemester soll regelhaft nicht auf die Gesamtstudiendauer angerechnet werden. Wichtig ist zudem die Verfügbarkeit von Lehrmaterialien: Paywalls und Copyright-Probleme dürfen nicht den Zugang zu den dafür nötigen Unterlagen beschränken; alle technisch problemlos verfügbar zu machenden Texte müssen freigeschaltet werden. 
Ohne die genannten Maßnahmen würden die ohnehin bestehenden systemischen Ungleichheiten im Hochschulsystem nur noch weiter vertieft. Darüber hinaus müssen unter den gegenwärtigen Bedingungen von Studium, Lehre und Forschung mehrdimensionale Ungleichheiten und strukturelle Diskriminierungen, insbesondere von ausländischen Student*innen und Wissenschaftler*innen Berücksichtigung finden. Zu den Problemen der Durchführung und Finanzierung des gegenwärtigen Lebensalltags kommen bei ihnen weitere existenzielle Probleme bezüglich des Aufenthaltsstatus, der Visa-Laufzeiten und der Möglichkeiten der Weiterversicherung und -beschäftigung. Es steht auch zu befürchten, dass die zusätzliche Sorgearbeit vor allem zulasten weiblicher Wissenschaftler*innen geht, die ohnehin den Großteil der Sorgearbeit schultern.
Die weitreichenden Folgen der Corona-Krise für Arbeits- und Studienalltag sind angesichts der Prekarität der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen im deutschen Mittelbau ohnehin kaum aufzufangen. Anstelle einer Fortführung des permanenten Wettbewerbs im Forschungsbetrieb, wozu beispielsweise die jüngste Ausschreibung der DFG aufruft (https://www.dfg.de/foerderung/info_wissenschaft/2020/info_wissenschaft_20_20/index.html), erfordert die Situation vielmehr ein Innehalten und Umdenken. Denn die gegenwärtige Gesundheitskrise zeigt nicht nur die weitreichenden Probleme des deutlich überlasteten Wissenschaftssystems, sie erlaubt und erfordert es auch, jetzt gegenzusteuern. Es gilt die Krise zu nutzen, um über eine Zukunft des Wissenschaftsbetriebs nach der Pandemie zu diskutieren – eine Zukunft im Sinne von Solidarität, guter Arbeit und kooperativer Erkenntnisproduktion statt weiter forciertem, wissenschafts- und beschäftigtenfeindlichem Wettbewerb. 
Berlin, 1.4.2020
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English Version:

In Solidarity through the Crisis. Precarious Academia in Times of Pandemic

Statement of the Network for Decent Labour in Academia (Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft; NGAWiss)

 

The Network for Decent Labour in Academia supports the open letter signed by 11.000 colleagues to declare the summer term 2020 a ’non-‚ or ‚flexi-semester‘, respectively (https://www.nichtsemester.de/cbxpetition/offener-brief/). We consider the exact naming less relevant than an acknowledgement of the fact that during the current social lockdown the universities and research institutes cannot continue with business-as-usual. We also endorse the list of demands in relation to the corona-crisis issued on 21.03. 2020 by the university union unter_bau (https://unterbau.org/2020/03/30/gegen-unsicherheit-in-der-corona-krise/). Hereby we take the opportunity to take up on and deepen the discussion initiated by these demands.

Students, teachers, reseachers, as well as technical and administrative staff, are affected by the current crisis situation in various ways: The general psycho-social insecurities caused by the pandemic and social distancing are aggravated by concerns about one’s own health or that of loved ones. Moreover, domestic parental and care responsibilities are intensified under the current circumstances. Last but not least, many are faced with practical questions of accessibility of research material and digital infrastructure. The crisis-character of the present situation is further exacerbated under conditions of temporary employment that continues to be the rule in the German academic system.

Precisely in view of this pervasive precarious employment situation for the overwhelming majority of our colleagues, we deem it necessary to extend all temporary contracts of student assistants, doctoral and post-doc scholars, as well as all other contingent faculty for the duration of the emergency situation. This means: the summer semester 2020 should not be counted into the limited fixed-term employment period set by the Academic Short-Term Contract Labour Act (Wissenschaftszeitvertragsgesetz) and the Part-Time and Temporary Labour-Act  (Teilzeit- und Befristungsgesetz). Equally urgent is the prolongation of grants, fellowships, scholarships and ‚tenure‘- periods for junior professorships. Moreover, already allocated teaching assignments and other honorary agreements for the coming semester (irrespective of the courses‘ actual practicability) should further on be remunerated and already assured work contracts should be executed.

Likewise, we expect additional care work (such as home schooling) to be acknowledged as work time in its entirety. It  should be noted that in addition to the very demanding task of carrying on with the duty of teaching via digital tools, instructors are further confronted with enhanced requirements of supervision. Considering the additional workload caused by the current situation, a significant salary increase for the adjunct faculty is required.

Students are now more than ever in need of expansive support in order to continue or finalise their studies. Under these circumstances, a more transparent and flexible examination design is certainly necessary. The summer term should as a rule not be counted in the overall years of study. Even more crucial is the availability of teaching materials: paywalls and copyright-restrictions should be lifted for all technically available data and texts.

Disregarding these legitimate and urgent requirements can only aggravate the structural hierarchies and inequalities inherent to the German academic system. Similarly, multi-dimensional inequalities and structural discriminations that specifically affect international students and scholars have to be taken into account under the present conditions of study, teaching and research. In addition to organising and financing their daily lives, they are faced with further existential problems concerning residence status, durations of visas as well as insurance- and employment-extension. A further concern is that the disadvantages of additional care work in terms of time constraints will yet again mainly fall upon female scholars .

The far-reaching consequences of the corona-crisis for the daily life of academic work and study will anyway hardly be containable given the precarity of work- and employment-conditions for the roughly 90% who remain ‚below‘ the level of full professorships (the only permanent position in the German academic system). Instead of pressing for a continuation of the permanent competition in research, as the most recent call by the German Research Foundation (DFG) suggests (https://www.dfg.de/foerderung/info_wissenschaft/2020/info_wissenschaft_20_20/index.html), the situation demands a contemplative break. The current health crisis points not only to the far-reaching problems of the overstrained academic system; it equally allows and calls for countersteering. The challenge is to understand the crisis as an opportunity to discuss the future of academia after the pandemic – a future in respect of solidarity, decent work and cooperative knowledge production rather than a further enforced competition that is hostile to scholarship and scholars.

 

Berlin, 1.4.2020

In solidarity with our colleagues on strike in France and the UK the Network for Decent Labour in Academia (Netzwerk Gute Arbeit in der Wissenschaft, NGAWiss) partakes in the Dead University Day and will symbolically take down its website on 05 March. We appeal to all scholars and faculty to support the strike day.

On 05 March, our colleagues at French universities will go on strike with the proclamation of a ‚Dead University Day‘ and stand up against the increasingly competitive organisation of their academic existences. The protests have been triggered by a law (the so-called loi de programmation pluriannuelle de la recherche) which is set to be elaborated by the government this spring. It aims at new regulations of appointment and employment as well as regular evaluations as enforcing measures. Amongst other things, options of permanent employment for non-professorial faculty (i.e. Maitre*sse de conférence and Chargé*e de recherche) are to be replaced by a tenure-track-model, while the teaching load for scholars who do not publish ‚enough‘ is to be increased. A particularly scandalising effect has been produced by an article in which the Director of the Centre National de la Recherche Scientifique called for principles of inequality and renewed Darwinism so as to push the best scholars to greatest achievements: “We are in need of an ambitious, non-egalitarian – yes, non-egalitarian -, virtuous Darwinian law that mobilises energies and encourages the most productive scholars, teams, laboratories and institutions by international standards”, Antoine Petit in Les Echos, 26.11.2019. Experts from Biology and other disciplines have been quick to point out that Petit’s presumptions are covered neither by Darwin’s theory nor by science research. A petition circulated in December and eventually signed by 15.000 researchers emphasizes that selection in the Darwinian sense does not at all refer to a “process of collective optimizing” (but rather favours those individuals that are best adjusted to the environment, usually at the cost of their group). The petition consequently stresses that academic competition – new to France in this form while already painfully experienced elsewhere – mainly rewards strategic behaviour of scholars, whereas a concentration of financial resources is proven to generate less production than their broad distribution (the text can be signed here). De facto shrinking funds are planned to be redistributed in the form of an increasing share of competitive short-term projects – with the convenient effect of veiling the budget cuts. Other contributions add that the spreading competition for prestige and resources in French academia has supported an increase in objectionable behaviour, fraud, and non-reproducible results; the consequence is a “natural selection of bad science” (quote Philipp Hunemann). The political dispute needs to be continued – nationally as much as internationally – not least because we are already experiencing in many instances that even rationally rebutted academic managers can do a lot of harm in practice.

Since 20 February already, scholars are on strike also in the UK. Bitter work disputes have been carried through already in 2018 and 2019 to prevent the transformation of guaranteed pensions into individually traded stock market funds. Estimates (even those of employers) are predicting an actual loss of pensions of between 10 and 40% – “a textbook case of the dismantling of a shared good through financialisation” (Waseem Yaqoob, blog of the London Review of Books, 16.02.2018). Despite some successes, the earlier strikes have not been able to avert the danger; currently a commission set up in order to evaluate the planned reform has become the subject of worry and dispute. Next to this ongoing problematic, it is also so-called zero hour-contracts (i.e. the employment of academics merely according to momentary university needs without guaranteed minimum working hours), work pressures, the gender pay gap and the ethnicity pay gap that are at the center of the current conflict. Up to 50.000 faculty and academics are expected to take to the picket lines over the 14 strike days until 13 March (The Guardian, Sally Weale and Laith Al-Khalaf, 20.02.2020). Colleagues in Britain envisage a breakdown of all thresholds: “This feels like a fight now for the soul of academia, of universities. And it feels (to someone of my age) like the miners‘ strike, which is both encouraging and really scary” (Faculty at the University of Birmingham, e-mail exchange).

Meanwhile in France, activities are running high so as to freeze all computer keyboards on 05 March, i.e. to completely stop research (incl. publication) and teaching for a day. The Network for Decent Labour in Academia (NGAWiss) is in explicit support of these resistances (that are carried by employment groups across the spectrum) and wishes for more comparable acts and omissions also in Germany. Ever more signs indicate that the competition already implemented on various levels inflicts serious harm on the academic culture; even a survey recently issued by the conservative Konrad-Adenauer-Stiftung and the DHV (German Association of Universities) has clearly documented massive discontent as regards work overload and a bloated project-generated bureaucracy. The particularly strong existential pressures that are being put upon young scholars impair not only scientific curiosity, creativity, independence and explorative capacities; they also yield great problems in private life (notably in family life) that colleagues in France have so far been spared.

The different national variants of academic neoliberalism appear to be themselves in competition over forcing ahead as far as (im)possible the expansion of markets and quasi-markets, a strategy that has already disastrously failed in social and economic politics. The results are strikingly similar in various countries also beyond Europe, notably in Asia and in the US, where we have been seeing intensified strike activities over the past years: precarity, work overload, competitive bureaucracies, prestige competitions, exacerbated inequality, and a sustainable damage of research and teaching. It is high time that scholars and faculty also in Germany stand up against these developments more actively. Social Darwinism and neoliberal politics are ideas of the past, for the future we need substantial growth in solidarity so as to work for a civil common life on an intact planet.

All the more do we express our unconditional solidarity to our French and British colleagues. We know, they are fighting for us too. High time for us to join them in action.

In Solidarität mit den streikenden Kolleg*innen in Frankreich und Großbritannien beteiligt sich das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft am Dead University Day und wird am 5. März symbolisch seine Internetpräsenz abschalten. Wir fordern alle Wissenschaftler*innen auf, den Streiktag zu unterstützen.

Am 5. März 2020 beginnen die Kolleg*innen an den französischen Universitäten mit der Ausrufung eines ‚Dead University Day‘ den Streik, um sich gegen die zunehmend wettbewerbsförmige Organisation ihres akademischen Daseins zur Wehr zu setzen. Den Anstoß bildet ein Gesetz (die sog. LPPR, loi de programmation pluriannuelle de la recherche), das von der Regierung im Frühjahr ausgearbeitet werden soll. Es beinhaltet neue Einstellungs- und Beschäftigungsverhältnisse, aber auch regelmäßige, sanktionsbewehrte Evaluationen. Dabei ist u.a. vorgesehen, die Option der Festanstellung im Mittelbau (Maître*sse de conférence und Chargé*e de recherche) durch ein tenure-track-Modell zu ersetzen und das Lehrdeputat für Wissenschaftler*innen, die ’nicht genug‘ publizieren, zu erhöhen. Besonders skandalisierend wirkte ein Artikel, in dem der Direktor des Centre National de la Recherche Scientifique neue Prinzipien der Ungleichheit und des Darwinismus forderte, um die besten Wissenschaftler*innen zu größtmöglichen Leistungen anzutreiben: „Il faut une loi ambitieuse, inégalitaire – oui, inégalitaire – une loi vertueuse et darwinienne, qui encourage les scientifiques, équipes, laboratoires, établissements les plus performants à l’échelle internationale, une loi qui mobilise les énergies.“ („Wir brauchen ein ambitioniertes, inegalitäres – ja, inegalitäres -, ein vortreffliches, darwinistisches Gesetz, das die im internationalen Maßstab leistungsstärksten Wissenschaftler, Teams, Laboratorien und Einrichtungen ermutigt und Energien mobilisiert“, Antoine Petit in Les Echos, 26.11.2019) Fachleute aus der Biologie und anderen Disziplinen haben rasch darauf hingewiesen, dass diese Annahmen weder durch Darwins Theorie noch durch Wissenschaftsforschung gedeckt sind. Eine im Dezember lancierte, von 15.000 Forschenden unterzeichnete Petition hebt hervor, dass Auslese im Sinn Darwins keineswegs ein „Prozess kollektiver Optimierung“ ist (sondern vielmehr die Individuen begünstigt, die den Umweltbedingungen am besten angepasst sind, teilweise zum Schaden ihrer eigenen Gruppe), dass die in Frankreich in dieser Form neue, andernorts bereits leidvoll erprobte akademische Konkurrenz vor allem strategisches Verhalten von Wissenschaftler*innen belohnt und dass eine Konzentration finanzieller Ressourcen erwiesenermaßen weniger produktiv ist als ihre breite Verteilung (die Petition kann hier unterzeichnet werden). De facto schrumpfende finanzielle Mittel sollen zu steigenden Anteilen nach einer kompetitiven Projektlogik vergeben werden – was auch zu Verschleierung der Budgetkürzungen führt. Andere Beiträge ergänzen, dass der ausufernde Prestige- und Ressourcenwettbewerb in der französischen Wissenschaft auch einen Anstieg von Fehlverhalten, Betrug und nichtreproduzierbaren Ergebnissen bedingt hat; das Resultat sei „natural selection of bad science“ (zit. n. Philippe Huneman, ).

Der politische Kampf ist – auf nationaler wie internationaler Ebene – weiter zu führen, denn wir haben vielfach erfahren, dass auch intellektuell widerlegte Wissenschaftsmanager praktisch Schaden anrichten.

Bereits jetzt, seit dem 20. Februar, wird auch in Großbritannien gestreikt. Dort waren schon 2018 und 2019 bittere Arbeitskämpfe geführt worden, um die Umwandlung der garantierten Ruhestandszahlungen in individuelle, finanzmarktabhängige ‚pension funds‘ zu verhindern. Schätzungen (samt derer der Arbeitgeber) haben als Effekt einen durchschnittlichen Pensionsverlust in Höhe von 10 bis 40% kalkuliert – „a textbook case of the dismantling of a shared good through financialisation“ (Waseem Yaqoob im Blog der London Review of Books, 16.2.2018). Die Streiks haben diese Gefahr trotz Zwischenerfolgen nicht abwenden können; eine Kommission, die die geplante Reform evaluieren soll, ist zum neuen Gegenstand der Sorge und Auseinandersetzung geworden. Gegenwärtig stehen neben diesem weiterhin schwelenden Thema Zero-hour-contracts (also der völlig bedarfsabhängige Einsatz akademischer Arbeitskräfte, ohne garantiert bezahlte Mindestarbeitszeit), die gesundheitsgefährdende Arbeitsbelastung, gender pay gap und ethnicity pay gap im Zentrum des Konflikts. Bis zu 50.000 Hochschul-Mitarbeiter*innen sollen sich in den 14 Streiktagen bis zum 13. März beteiligen (The Guardian, Sally Weale und Laith Al-Khalaf, 20.2.2020). Kolleg*innen in Großbritannien sehen mittlerweile alle Grenzen überschritten: „This feels like a fight now for the soul of academia, of universities. And it feels (to someone of my age) like the miners‘ strike, which is both encouraging and really scary” (Mitglied der University of Birmingham, E-Mail-Kommunikation). In Frankreich laufen derweil die Aktivitäten auf Hochtouren, um am 5. März alle Tastaturen still stehen zu lassen, Lehre und Forschung auszusetzen.

Das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft unterstützt diese (von allen Beschäftigtengruppen getragenen) Widerstände ausdrücklich und wünscht sich verstärkte Tätigkeiten und Unterlassungen dieser Art auch in Deutschland. Immer mehr Zeichen sprechen dafür, dass hier der auf allen Ebenen längst eingerichtete Wettbewerb die Wissenschaftskultur ernsthaft beschädigt; selbst eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem DHV beauftragte Umfrage unter Professor*innen hat kürzlich massive Unzufriedenheit mit Arbeitsüberlastung und aufgeblasener Antragsbürokratie dokumentiert. Der ungleich stärkere existenzielle Druck, unter dem der sogenannte wissenschaftliche Nachwuchs steht, beeinträchtigt nicht nur die wissenschaftliche Neugierde, Kreativität, Eigenständigkeit und Entdeckungsfähigkeit, er zieht auch große Beeinträchtigungen im Privatleben, etwa bei der Familiengründung nach sich, die vielen französischen Kolleg*innen bisher noch erspart geblieben sind.

Die verschiedenen nationalen Spielarten des akademischen Neoliberalismus scheinen darum zu wetteifern, die in der Wirtschafts- und Sozialpolitik offenkundig blamierte Strategie einer Ausweitung von Märkten und Quasi-Märkten so weit wie (un)möglich weiterzutreiben. Die Resultate ähneln sich in Ländern, auch weit über Europa hinaus, u.a. in Asien und in den USA, wo schon länger die Streikaktivität wächst: Prekarität, Überlastung, Wettbewerbsbürokratie, Prestigekonkurrenz, verschärfte Ungleichheit und eine langfristige Beschädigung von Forschung und Lehre. Es wird höchste Zeit, dass die Wissenschaftler*innen auch in Deutschland aktiver dagegen aufstehen. Der Sozialdarwinismus und die neoliberale Politik gehören der Vergangenheit an, in der Zukunft brauchen wir große Zuwächse an Solidarität, um das zivile Zusammenleben auf einem intakten Planeten sicherzustellen. Umso nachdrücklicher bekunden wir den französischen und britischen Wissenschaftler*innen gegenüber unsere Solidarität. Wir wissen, sie kämpfen auch für uns. Es wird Zeit, sich ihnen auch praktisch anzuschließen.